byebye FRUiTS, byebye harajuku?

die modemeldung der letzten woche: FRUiTS, das erste und einzig wahre streetsnap-magazin wird eingestellt, weil es in harajuku keine coolen kids mehr zu fotografieren gibt. uniqlo und h&m haben gewonnen, harajuku als modeparadies ist gefallen im namen des kawaii-tourismus. oh, wie sie alle einstimmten in den großen abgesang…

„es gibt keine coolen kids mehr in harajuku“?

…war der aufmacher überall, auch im original-interview. der kontext dieser aussage war aber der, dass es keine modelle mehr gebe, die aokis ansprüchen genügen. nun ist der herr eher zurückhaltend und medienscheu, aber die wenigen kommentare, die ich von ihm kenne, waren immer kritisch. beispielsweise gabs gemecker, dass gyaru / cosplayer ja das ende der kreativität seien und dass die street fashion-szene nach dem ende des hokoten eh am ende sei. lustig dabei: wir reden hier von genau der FRUiTS-hochphase, die hinterher durch fotobände und ausstellungen weltweite berühmtheit erlangen sollte. die den ganzen boom also erst gestartet hat.
die betonung sollte hier daher vielmehr auf die ansprüche gelegt werden, denn wenn FRUiTS eins war, dann anspruchsvoll. andere magazine bilden die zu ihrer publikation und zu den werbekunden passende teilrealität ab. die arbeitsweise: es wird konkret nach items oder looks gesucht, die zur zielgruppe passen und für die zuvor ein feature geplant wurde – teils aus dem wunsch, dem leser aktuelle trends aufzubereiten, teils sicher auch auf anregung der mit dem magazin verbundenen marken (lesenswert dazu dies und jenes).

das hat die FRUiTS komplett anders gemacht, weil sie eben kein klassisches modemagazin ist, sondern großteils fotos von der straße präsentiert und die durch einzelne designerinterviews oder andere, persönliche features ergänzt. soll nicht heißen, dass das magazin gänzlich unabhängig von harajukus modenetzwerk operiert hat: es war vielmehr sehr wählerisch in der auswahl derer, die die ehre eines fotos oder sogar des titelblattes bekamen, unterstützte diese dann aber langfristig. einerseits eine tolle möglichkeit, den aufstieg eines talentierten modeschul-studenten zum designer mit eigenen kreationen, welche dann wiederum an anderen personen fotografiert wurden, nachzuvollziehen und up to date zu bleiben, was sich in der eigenen szene so tut. dass dieser stil ehemalige FRUiTS-fotografen geprägt hat, zeigt z.b. die arbeitsweise von rei shito, die neben den fotos auch immer kurze unterhaltungen mit den modellen, teils mit rückbezug auf monate vorher angesprochene themen, postet.

andererseits nahm der fokus des magazins auf street snap-idole irgendwann überhand: anstelle der designer-vorstellungen hatten die letzten ausgaben profile von eher zufällig ausgewählt scheinenden…ja, was eigentlich? influencern? print-instagrammern? ob das als reaktion oder kommentar auf eben die wachsende beliebtheit solcher accounts gemeint war, kann man nur vermuten.

einige kommentare zur meldung werfen dem aoki direkt vor, dass ihm schlicht das verständnis für die aktuelle harajuku-generation fehle und er deswegen hingeworfen habe. auch hier wieder der blick auf die quelle (gleiches interview wie oben): er spricht zwar vorerst von einer einstellung der monatlichen FRUiTS-ausgaben, auch wenn sich die kreative lage mittlerweile wieder gebessert habe (!) und argumentiert zudem, dass ein monatliches printformat der zeitschrift nicht das sei, was die jungen leser suchten. klingt schon plausibler, hm? da er weiterhin interesse an der suche nach models und designern zu haben scheint und events plant, sind unregelmäßige sammelausgaben oder etwa eine online-fortführung der snaps noch lange nicht vom tisch. vonwegen die harajuku kids sind tot und alter mann frustriert von der ideenlosen jugend, hm?

und harajuku ist jetzt auch gentrifiziert, aus, vorbei?

harajuku war in den letzten jahren sicherlich nicht die ideale entwicklungsumgebung für junge, kleine brands. zu viel fläche wurde aufgekauft, sei es h&m oder asobisystems (kyary, cute cube, kawaii cafe, etc), alle haben sich dicke scheiben abgeschnitten vom cool japan-kuchen. obendrauf noch die touristenhorden – egal ob trekkingsandalen auf freak-fotojagd oder chinesische duty free-reisebusse – und es wird verdammt eng in dem kleinen stückchen land. wenn sich sogar herr fujiwara höchstpersönlich über die hohen mieten beschwert, während er einen popup store an der ginza betreibt, ist da irgendwas nicht ganz richtig.

was mich allerdings stutzen lässt sind die, die für die erhaltung der puren, reinen, handgemachten kreativität des viertels protestieren, so wie es sie schon immer gegeben habe. problem dabei: harajuku war nie so durchgehend indie, wie es die ganzen hipster gerne hätten. sicherlich wirkt das neue mega-gebäude am ende der takeshita wie der bedrohliche kommerz-hammer über den ganzen niedlichen zweistöckigen hutzelhäuschen, aber genau da hat schon ende der 70er ein hässliches kaufhaus mit internationalen luxusmarken gestanden (vierte reihe von oben links, erinnerungen einer anwohnerin, bilder vom café davor). sämtliche teenie-stadtguides der 80er erwähnen die takeshita als shoppingparadies für billige kopien aktueller modetrends aus der ganzen welt. stars und sternchen haben sie schon aus den reihen der takenoko-zoku gecastet (hiro-kun und shimizu kojiro, ersterer in aktion), auch die idolshops passten bereits ins straßenbild. das hokoten, die street fashion-obsession der 90er und der bape-boom (gefühlt alles, was kimutaku so anhatte, kam aus urahara, die hässliche leder-daunenjacke war der tophit und bekam neulich erst eine jubiläums-neuauflage) brachten ebenfalls nicht wenig medienaufmerksamkeit, die kleinen, versteckten shops von urahara waren plötzlich alle kartographiert und kategorisiert.

sicherlich ist es mitten im olympia-bauboom wichtiger denn je, die spezifischen räumlichen gegebenheiten z.b. rund um die cat street vor großen investoren und glaspalästen zu schützen. gäbe es die möglichkeit zu einer fashion-tokku, wie misha janette sie hier fordert, wäre das sicherlich ein großer schritt in die richtige richtung. wahrscheinlich ist er allerdings nicht.
trotz alledem weigere ich mich allerdings noch, in den abgesang auf harajuku einzustimmen. diese ecke hat schon viel zu viel miterlebt, ohne ihre anziehungskraft zu verlieren. insbesondere der bereich rüber nach shibuya wird jedes mal, wenn ich wieder einen blick hinwerfe, interessanter. aber mal abwarten, wie meine stimmung nach dem ersten besuch dieses jahr aussieht. bisher glaube ich allerdings noch, dass die klassische gentrifizierung, wie wir sie hier an jeder ecke erleben, nicht 1:1 auf tokyo übertragbar ist. aber wir werden sehen…

(herzlichen glückwunsch, natürlich hab ich jetzt nen ohrwurm von dem takenoko-zoku-discoschranz…)

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